23.07.2017

Warum wir die Energiewende momentan an die Wand fahren

Der Physiker Tobias Rehrl warnt vor falsch angegangener Energiewende

Tobias Rehrl beim Vortrag (Bild Jürgen Osterlänger)

Rehrl und Osterlänger (Bild Jürgen Osterlänger)

Neustadt/Aisch. Unter dem provokanten Titel „Warum wir die Energiewende momentan an die Wand fahren“ referierte der Physiker Tobias Rehrl bei einem Diskussionsabend in Neustadt/Aisch auf Einladung des ÖDP-Kreisverbands. Rehrl will mit diesem Titel alle Energiewende-Befürworter aufrütteln. Denn es ist die Meinung weit verbreitet, wir müssten noch schneller noch mehr erneuerbare Energien ausbauen und noch schneller Kohlekraftwerke abschalten, dann kommen wir mit der Energiewende und dem Klimaschutz voran. Dem ist leider nicht so. Wenn nicht dringend die eigentlichen Herausforderungen der Energiewende angegangen werden, riskieren wir stattdessen Stromausfälle und/oder exorbitante Kosten. Das hätte dann fatale internationale Folgen weil die Gegner der Energiewende weltweit nur darauf warten, das deutsche Energiewende-Projekt als für gescheitert erklären zu können.

Rehrl stellt zunächst fest, dass der Endenergieverbrauch seit vielen Jahren fast auf konstantem Niveau verharrt, genauso die Umwandlungseffizienz und der Anteil erneuerbarer Energien im Wärme- und Verkehrssektor. Eine Wende sieht anders aus. Stattdessen geht fast alle Anstrengung dahin, den Erneuerbaren-Anteil im Stromsektor auszubauen. Dabei ist der Stromsektor ausgerechnet der Bereich, in dem wegen dem Emissionshandel die Menge der CO2-Emissionen 1:1 von der Anzahl der CO2-Zertifikate abhängt. Deswegen ist im Stromsektor jede Energiewende- Bemühung umsonst, solange Zertifikate nicht aus dem Emissionshandelsmarkt entfernt werden. Sonst werden die von erneuerbarer Stromerzeugung oder Kohleausstieg herrührenden CO2-Einsparungen in Form von unverbrauchten Zertifikaten nur verlagert und woanders emittiert: in anderen Ländern, in anderen industriellen Sektoren des Emissionshandels oder - in Form von Zertifikats-Überschüssen - in der Zukunft. Und umgekehrt müsste man bei einem funktionierenden Emissionshandel den Kohleausstieg nicht mehr forcieren, höchstens geregelt organisieren. Denn der Kohleausstieg würde sich dann von selbst ergeben, soweit er für die Emissionseinsparungen notwendig ist.

jetzige Energiewende nur Stromwende

Die jetzige Energiewende ist fast nur Stromwende und dient der Politik als Alibi, um die eigentlichen nationalen Klimaschutzaufgaben nicht wahrnehmen zu müssen. Schade nur, dass die gesamte Ökoszene darauf hereinfällt. Stattdessen muss man im Stromsektor das im Prinzip tolle Instrument „Emissionshandel“ endlich richtig einsetzen und in den Vordergrund stellen. Den Emissionshandel müssen wir dringend reformieren und stärken, damit können wir Emissionen am effizientesten und direkt reduzieren, und das noch dazu europaweit. Der Emissionshandel ist schon alleine deswegen unverzichtbar, weil er internationale Verbindlichkeit und Akzeptanz herstellt. Oder glaubt jemand ernsthaft, dass z.B. Italien oder Spanien jemals eigene Klimaschutz-Regeln wirksam verfolgen werden, wenn es nicht die gleichen Regeln aller EU-Länder zugleich sind?

Rehrl befürchtet auf dem Strommarkt mittel- bis längerfristig Versorgungsprobleme. Denn auch wenn wir sehr, sehr viel erneuerbare Stromerzeugung ausbauen, wenn wir alle Potenziale von Nachfrage-Flexibilitäten umsetzen und wenn wir auch noch internationalen Stromtransfer einsetzen: Es wird auch in Zukunft einige Stunden im Jahr geben, in denen wir fast die gesamte momentan zur Verfügung stehende jederzeit abrufbare Erzeugungskapazität benötigen werden. Als solche kommen dann nur konventionelle Kraftwerke und bis zu einem gewissen Grade auch Speicher in Frage. Für beides gibt es aber im jetzt beschlossenen Strommarktdesign keine Geschäftsgrundlagen, so Rehrl.

fixe und variable Kosten

Die Ursache dafür sei Folgende: An den Strombörsen macht es für jede Erzeugungsanlage nur Sinn, ihren Strom zu einem Preis anzubieten in Höhe ihrer variablen Kosten. Mit jeder anderen Strategie würde die Erzeugungsanlage schlechter weg kommen. Die Fixkosten einer Anlage werden dann aber nur höchstens zufällig gedeckt, wenn der für alle Marktteilnehmer resultierende Strompreis in vielen Stunden im Jahr weit genug über den eigenen variablen Kosten liegt. Das wird aber in Zukunft immer weniger der Fall sein, weil immer mehr erneuerbarer Strom mit variablen Kosten nahe bei null angeboten wird. Deswegen ist es absehbar, dass die Stromerzeugungsanlagen, die zur Deckung des Stromverbrauchs in wenigen kritischen Stunden im Jahr noch gebraucht werden, sich nicht wirtschaftlich werden halten können. Entsprechend kann man jetzt schon beobachten, dass viele Kraftwerke wegen Unwirtschaftlichkeit abgeschaltet werden und kaum neue Kapazitäten geplant werden. Übrigens wird damit auch Power to Gas, mit den dazu notwendigen Gaskraftwerken, zur Utopie.

Energiewende bedeutet eine Wende weg von Technologien mit variablen Kosten (für Brennstoffverbrauch) hin zu Technologien die fast nur noch Kapitalkosten verursachen. Ausgerechnet in so einer Situation auf einen Strommarkt zu setzen, der nur nach variablen Kosten funktioniert, das kann kaum gut gehen. Wie dieses Problem gelöst werden kann, ist nicht einfach zu sagen und eine überzeugende Lösung ist auch noch nicht gefunden. Jedenfalls ist dem Problem nicht geholfen, wenn man Vorschläge zu Kapazitätszahlungen nur populistisch als „Hartz IV für Kraftwerke“ verunglimpft, so wie es der frühere Energieminister Sigmar Gabriel leider getan hat.

Das jetzige Strommarktdesign bringt jedenfalls vor allem fixkostenlastigen Technologien ein Problem, und das sind vor allem Erneuerbare und auch Speicher. Aus diesem Grund werden sich auch Erneuerbare nie ohne EEG-Vergütung rechnen. Denn die EEG-Vergütung fungiert eben nicht nur als Förderung für erneuerbare Energien, sondern auch als Vergütung von deren Kapitalkosten; Kapitalkosten die man anderweitig am Strommarkt nicht mehr erwirtschaften kann.

Für Speicher kommt dann noch als extrem verschärfendes Problem hinzu, dass sie von stündlich hohen Strompreisunterschieden leben, aber ca. 80% des bei den Letztverbrauchern ankommenden Strompreises sich aus jährlich konstant berechneten Sätzen ergeben (Umlagen, Netzentgelte, Abgaben und Steuern). Die ödp fordert deshalb eine stündliche Flexibilisierung der von den Verbrauchern zu zahlenden EEG-Umlage (nicht der von den Einspeisern erhaltenen EEG-Vergütung!). Ohne solch stündlich flexibilisierte Strompreise werden wir auch nie genügend Anreize für die benötigte Nachfrage-Flexibilität bekommen.

Die fachlich sehr angeregte Diskussion brachte durchaus einen Erkenntnisgewinn der leider nicht trivialen Zusammenhänge.

Jürgen Osterlänger